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So lernt mein Hund: Seite 2

Was brauche ich?
Viele Menschen möchten, dass ihr Hund "aufs Wort folgt". Da sind schon zwei Irrtümer enthalten. "Worte" zu verstehen, muss ihm erst gelernt werden. Und was das Folgen anbelangt, geschieht das bei den Welpen von Hundemüttern aus Überlebenswillen und nicht aus menschlichem, ja soldatischem Gehorsam. Sie folgen - buchstäblich - ihrer Hundemutter: um etwas zu lernen, und um Gefahren aus dem Wege zu gehen. Das sind die einzigen, weil biologischen Prinzipien des Folgens. Wenn Menschen blinden Gehorsam einfordern, ist nur Missverständnis die Folge.

Viele Besitzer von Kleinhunden meinen, ihr Hund müsse nichts lernen, nichts können. Das ist so, wie wenn kleinwüchsige Menschen nichts lernen dürften. Ein anderes Vorurteil, ein bequemes: Einmal gelernt, ewig intus? Irrtum. Ausgenommen sehr leichtführige Hunde, die "blind" gehorsam sind. Bei selbstbewussten und eigenwilligen Hundetypen muss ein Leben lang immer wieder mal die Rangordnung gefestigt, bestätigt oder korrigiert werden. Wie im richtigen Wolfsleben.

Bei den meisten Ausbildern wird neben der human-psychologi-
schen Kenntnis, also der des Hundehalters und seiner Familie, der Lerneffekt der Sprache vernachlässigt. Oft übernehmen Ausbilder, wenn sie nicht weiblichen Geschlechts und damit - pauschal geurteilt - einfühlsamer und nicht militant geschult sind, die scharfe Befehlssprache der altvorderen Hundesportplätze. Da wird angeordnet statt überzeugt. Die Ausdrücke stammen aus militärischem Denken und Handeln und sind Tieren absolut unverständlich. Konsequenz ist dagegen erheblich wichtiger. Die Spielfreude eines Terriers oder Pudels, oder geradezu devote Aufmerksamkeit eines Schäferhundes darf man nicht von jedem Hundetyp erwarten. Das muss man vor dem Kauf wissen. Hetz-, Schlitten- oder Herdenschutzhunde sind wesentlich selbständiger, mitunter viel weniger spielfreudig als die eben erwähnten, sehr leichtführigen Hunde.

Nicht einmal Spielen können Industriemenschen mit dem Hund. Sie kaufen dafür lächerliche Spielzeuge. Ich spiele mit meinen Hunden ernsthaft, mit meinem ganzen Körper. Ich starte ein Spiel und beende es.

Eigenwillige Hunde brauchen noch mehr Geduld, Einfühlungsver-
mögen und Überzeugungsarbeit bei absolutem Gewaltverzicht als leicht dressierbare Hundetypen (etwa Schäferhunde oder Ret-
riever). Individuellen Unterschiede sind bei allen Übungen zu berücksichtigen.

Meine Hunde sind alles andere als mit Belohnung, notorischen Ballspielen oder Bestechungsversuchen leicht verführbare oder gar dressierte Hunde. Ich wollte sie so. Da ist der Halter gefor-
dert, sich was einfallen zu lassen. Mit Hörzeichen in diesen Modulations-Varianten kann man jeden Hund wundersam "steuern". Schäfer wissen dies.

Die Hand als Sichtzeichen ist ein anderes Mittel. Stumme Hunde-
halter müssen sich nur darauf konzentrieren. Entscheidend ist, wie Sie es zu welchem Zeitpunkt sagen oder tun und diese Worte oder Zeichen ihm zur Gewohnheit werden lassen. Wenn Sie mit Ihrem Hund längere Jahre zusammenleben, werden Sie sich beinahe wortlos verstehen, wie ein altes Ehepaar.

Hunde hören so phantastisch, dass man ihnen oft nicht glaubt. Daher ist es Versagen oder Unsicherheit, wenn man einen Hund anschreit. Im Gegenteil: Schreien empfindet jeder normale Hund (der noch nicht vom Gebrüll abgestumpft ist) als Anfeuerung und Aufforderung, beim Beschädigungskampf mit einem anderen Hund, und als spontane Gründung einer Jagdgemeinschaft. Krönung dieses Theaters: Er wird gestraft, wenn er trotzdem herkommt.

Ich machte früher auch diese Fehler. Bis ich mühsam umlernte. Beobachten Sie mal auf einem Spaziergang die Ohren ihres Hundes, wenn Sie selten mit ihm sprechen. Quatschen Sie ihm dagegen unablässig die Ohren voll, stumpft er ab. Quasseln verrät Unsicherheit und Unterbeschäftigung, bei Menschen wie bei Hunden, die unaufhörlich kläffen.

Was die Lautsprache ausrichten kann, gilt auch für die Körper-
sprache: Ihre geistige und nach aussen verdeutlichte Haltung dem Hund gegenüber. Bedrohliche Haltung (vornüber gebeugt, Hände imponierend in die Hüften gestemmt) beantwortet ein selbstsicherer Hund entsprechend: kann ins Auge gehen. Das gilt auch für Betrunkene und - so "peinlich" das für den Hundehalter sein kann - für Körperbehinderte. Erklären Sie das dem Körper-
behinderten, und er wird es verstehen. Aber auch diese abwei-
chenden Verhaltensmuster kann der Hund durch wiederholte Gewöhnung lernen - nicht nur Behindertenhunde. Je deutlicher Sie sich dem Hund mitteilen und damit signalisieren, dass Sie etwas von ihm wollen, um so grösser wird sein Verständnis.

Laufen Sie ihm nie nach! Denn dies bedeutet ein Verfolgungs-
spiel. Und das wollten Sie ja nicht. Im Gegenteil, er sollte her-
kommen. Er überträgt dieses von Ihnen gemeinte Spiel konse-
quenterweise auch auf Wald und Flur. Hetzen Sie Ihrem Hund mit auffordernder, greller Stimme nach, bedeutet das für ihn biologi-
scherweise: "Toll, dass du mir folgst. Wir eröffnen eine Jagdge-
meinschaft. Ich über nehme die Leitung."

Denken Sie also immer daran: der Hund ist ein Bewegungsseher, er reagiert vor allem dadurch auf sich bewegende Objekte. Und beim Zeichengeben sind Sie das "Objekt", dessen Zeichen er ja erkennen soll. Stehen Sie wie eine Litfass-Säule, erkennt er wenig. Sie müssen dann viel stärker mit der Stimme arbeiten, und so fangen Sie mal an zu brüllen.
Alles völlig unverständlich für den Hund.

Wenn er also nicht reagiert auf Ihr Hör- oder Sichtzeichen (ausge-
breitete Arme oder ähnlich deutliches Signal), entfernen Sie sich - lautstark und für ihn anregend - von ihm weg. So binden Sie ihn wieder an sich. Und erst, wenn er richtig bei Ihnen gelandet ist, dann darf er gelobt werden.

Welpen, Junghunde oder unterwürfige erwachsene Hunde sollten nie von oben herab begrüsst werden (Anfang einer bedrohlichen Haltung - "Lehrer spricht zum Schüler mit erhobenem Zeige-
finger"), sondern auf hundegerecht und - wörtlich - zugeneigten Ebene. Machen Sie das aber nicht bei einem fremden Hund. Er kann dies als Schwäche auslegen und knurrt, mindestens. Auch unsichere, aggressiv-dominante Hunde sollten nicht angegangen werden, sich nicht herausgefordert fühlen. Ignorieren Sie den Kerl einfach und lassen Sie ihn Vertrauen finden.

Gewöhnen Sie Welpen frühzeitig an Spazierstöcke oder wallende Mäntel, an Hüte und Schirme. Kurz an Situationen und Verände-
rungen, die ihn zuerst natürlich erschrecken. Führen Sie ihn an das Unbekannte, Fremde, wenn er zunächst zurückschreckt. Lassen Sie ihn das Ungeheuer beschnuppern und unterstützen Sie dies mit beruhigenden Worten. Auch dies geschieht mit weichen, moderaten, aber entschiedenen Bewegungen. Hektik und Panik übertragen sich auf Hunde.

Das sind die verbalen und körperlichen Voraussetzungen für die wenigen Signale, die Ihr Hund als Grundschule lernen muss, denn Sie leben nicht in Alaska. Selbst in dieser weitläufigen Wildnis muss der Hund lernen, von einer Gefahr Abstand zu nehmen. Sonst ist er tot. So einfach ist das. Was dort der Bär, ist hier der Autoverkehr. Der Bär kann gnädiger sein.

Grundgehorsam ist also für den Hund lebenswichtig, von unserer Haftpflicht und dem verständnisvollen Umgang mit Hundeängst-
lichen mal abgesehen. (Dafür gibt es ein eigenes Kapitel.) Die Grundregeln für Herkommen, Sitzen, Niederlegen und Beifuss-
gehen sind einfach und doch für Menschen so schwer zu lernen. Zur Erleichterung und zum schnelleren Verständnis habe ich den Sprachunterricht vorweg genommen.

Der Hund soll Spass beim Lernen haben und nicht unter Druck und Panik arbeiten. Geduld und Unterhaltsamkeit (Abwechslung) sind die besten Helfer. Machen wir es ihm erfreulich (anfangs mit leckeren Belohnungen), zu uns herzukommen. Der Hund läuft lieber ohne Leine. Also müssen wir ihn überzeugen, dass es mit Leine gar nicht so schlimm ist. Abwechslung ist ein tolles Mittel, diese Ordnung erfreulich zu gestalten. Also nie mehr als eine Viertelstunde am Stück korrekt bei Fuss gehen lassen, sonst verleidet es ihm. Zerren Sie nie an der Leine! Lassen Sie sie durchhängen, ein paar nette Worte zur Auflockerung, und schon ist er wieder angeregt und motiviert.

Wichtige Grundregeln für den biologisch richtigen Zeitpunkt des Lernbeginns: Wie bei Menschenkindern - je früher sie lernen, desto leichter tun sie sich. Doch Hundetypen unterscheiden sich in ihren Körpermassen sehr viel mehr als Menschen. Faustregel: Je kleinwüchsiger der Hundetyp, um so früher entwickelt er sich. Grosswüchsige entwickeln sich also langsamer. Trotzdem: Hunde lernen wesentlich früher als bislang praktiziert. Fangen Sie also früh an, dem Welpen spielerisch Aufgaben zu servieren.

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