Kaum eine Hunderasse ist so berüchtigt für ihren Appetit wie der Labrador Retriever. Viele Halter kennen das Bild: Kaum ist der Napf leer, wird schon wieder nach Futter gesucht. Betteln am Esstisch, das Durchstöbern von Taschen oder das Aufspüren kleinster Essensreste gehören bei vielen Labradors zum Alltag.
Doch ist das bloß „Verfressenheit“? Tatsächlich steckt häufig mehr dahinter. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Labradore genetisch besonders anfällig für starken Hunger und Übergewicht sein können. Gleichzeitig lässt sich mit dem richtigen Fütterungs- und Bewegungsmanagement viel dafür tun, dass der Hund gesund und schlank bleibt.
Warum wirken Labradore ständig hungrig?
Labradore wurden ursprünglich als Apportier- und Jagdhunde gezüchtet. Ein ausgeprägter Appetit war dabei durchaus von Vorteil: Futter motivierte die Hunde zur Zusammenarbeit und half ihnen, auch bei anstrengender Arbeit genügend Energie aufzunehmen.
Hinzu kommt, dass bei einem Teil der Labradore genetische Varianten vorkommen, die das Hungergefühl beeinflussen. Besonders bekannt ist eine Veränderung im sogenannten POMC-Gen, die mit stärkerer Futtermotivation und einem höheren Risiko für Übergewicht in Verbindung gebracht wird. Neuere Forschung zeigt zudem, dass mehrere Gene gemeinsam eine Rolle spielen können – nicht nur ein einzelnes. (PMC)
Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder Labrador mit diesen Genvarianten zwangsläufig übergewichtig wird. Die Gene erhöhen lediglich die Veranlagung. Ernährung, Bewegung und konsequentes Management bleiben entscheidend.
Ist mein Labrador wirklich hungrig?
Viele Labradore wirken, als hätten sie nie genug gefressen. Typische Verhaltensweisen sind:
- Betteln während jeder Mahlzeit.
- Intensives Suchen nach Futter im Haus oder Garten.
- Schnelles Herunterschlingen des Futters.
- Stehlen von Lebensmitteln.
- Große Begeisterung für jede Art von Leckerli.
Diese Verhaltensweisen bedeuten nicht automatisch, dass der Hund zu wenig Futter erhält. Vielmehr sind Labradore häufig besonders futtermotiviert – selbst dann, wenn ihr Energiebedarf bereits gedeckt ist. (PMC)
Warum Übergewicht beim Labrador ein ernstes Problem ist
Übergewicht gehört zu den häufigsten Gesundheitsproblemen bei Labradors. Zu viele Kilos können das Risiko für verschiedene Erkrankungen erhöhen, darunter:
- Gelenkprobleme und Arthrose
- Kreuzbandverletzungen
- Diabetes mellitus
- Herz-Kreislauf-Belastungen
- Eingeschränkte Beweglichkeit
- Verkürzte Lebenserwartung
Schon wenige Kilogramm Übergewicht können die Gelenke deutlich stärker belasten.
So hältst du deinen Labrador schlank
1. Futter exakt abwiegen
Viele Halter schätzen die Portionsgröße nach Augenmaß. Das führt oft dazu, dass der Hund dauerhaft mehr Energie aufnimmt, als er verbraucht.
Eine Küchenwaage ist deutlich zuverlässiger als ein Messbecher.
2. Leckerlis mit einrechnen
Belohnungen gehören zum Hundetraining dazu – sollten aber Teil der täglichen Futterration sein.
Gerade bei Labradors summieren sich kleine Snacks schnell zu einer beachtlichen Kalorienmenge.
3. Langsamer fressen lassen
Viele Labradore verschlingen ihr Futter innerhalb weniger Sekunden.
Hilfreich können sein:
- Anti-Schling-Näpfe
- Schnüffelteppiche
- Futterbälle
- Suchspiele im Garten oder in der Wohnung
Dadurch beschäftigt sich der Hund länger mit seiner Mahlzeit und frisst langsamer.
4. Regelmäßig bewegen
Ein Labrador braucht tägliche Bewegung.
Geeignet sind beispielsweise:
- längere Spaziergänge,
- Schwimmen,
- Dummytraining,
- Nasenarbeit,
- moderater Hundesport.
Die Intensität sollte dabei immer zum Alter und Gesundheitszustand des Hundes passen.
5. Auf das Idealgewicht achten
Verlasse dich nicht allein auf die Zahl auf der Waage.
Ein guter Anhaltspunkt ist der sogenannte Body Condition Score (BCS):
- Die Rippen sollten gut tastbar, aber nicht deutlich sichtbar sein.
- Von oben sollte eine Taille erkennbar sein.
- Von der Seite sollte der Bauch leicht aufgezogen wirken.
Dein Tierarzt kann den BCS bei den Vorsorgeuntersuchungen beurteilen und dir sagen, ob dein Hund sein Idealgewicht hat.
Was tun, wenn dein Labrador ständig bettelt?
Konsequenz ist wichtiger als Mitleid.
Wenn Betteln regelmäßig mit Futter belohnt wird, lernt der Hund schnell, dass sich dieses Verhalten lohnt.
Hilfreich ist stattdessen:
- feste Fütterungszeiten,
- keine Essensreste vom Tisch,
- ruhiges Ignorieren des Bettelns,
- Belohnungen für erwünschtes Verhalten.
Alle Familienmitglieder sollten dabei dieselben Regeln einhalten.
Kann ein Gentest sinnvoll sein?
Für Labradore gibt es Gentests auf bestimmte Varianten wie die POMC-Mutation. Ein positives Ergebnis bedeutet jedoch nicht, dass ein Hund zwangsläufig übergewichtig wird, und ein negatives Ergebnis schließt einen ausgeprägten Appetit ebenfalls nicht aus. Der Test kann zusätzliche Informationen liefern, ersetzt aber weder eine ausgewogene Ernährung noch regelmäßige Bewegung und tierärztliche Kontrollen. (PMC)
Wann solltest du zum Tierarzt?
Wenn dein Labrador plötzlich deutlich mehr Hunger entwickelt oder trotz normaler Fütterung an Gewicht verliert oder zunimmt, solltest du ihn tierärztlich untersuchen lassen. Hinter verändertem Fressverhalten können auch Erkrankungen wie hormonelle Störungen, Diabetes oder Nebenwirkungen bestimmter Medikamente stecken.
Fazit
Dass Labradore scheinbar ständig Hunger haben, ist kein Mythos. Neben ihrer ursprünglichen Zucht als Arbeitshunde können genetische Faktoren dazu beitragen, dass viele Vertreter der Rasse besonders futtermotiviert sind. Das bedeutet jedoch nicht, dass Übergewicht unvermeidlich ist.
Mit einer angepassten Fütterung, ausreichend Bewegung, konsequenten Regeln und regelmäßigen Gewichtskontrollen lassen sich die meisten Labradore dauerhaft schlank und gesund halten. Entscheidend ist nicht, ob dein Hund möglichst viel frisst, sondern ob er genau die Energie bekommt, die er für ein aktives und gesundes Leben benötigt.
Weiterführende Quellen
- Universität Cambridge / Studie zum POMC-Gen (frei zugängliche Veröffentlichung): https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4873617/ (PMC)
- Wissenschaftliche Veröffentlichung in Cell Metabolism: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1550413116301632 (ScienceDirect)
- Forschung der University of Edinburgh zum POMC-Gen: https://www.research.ed.ac.uk/en/publications/a-deletion-in-the-canine-pomc-gene-is-associated-with-weight-and-/ (Edinburgh Research)
